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B. 2, K. 2, 9 21. Philippismus und Luthertum
bedienten sich lieber des geräuschloser und sicherer arbeitenden bracchium sae-
culare.
Speziell von Eitzen war ein großer Ketzerrichter und in der Auf—
spürung geringfügigster Abweichung von der überlieferten Lehre, sowie in der
Bildung orthodoxer Formeln und inquisitorischer Fragestellungen geradezu genial.
Das Eigentümliche war nur, dast da, wo persönliche Treue oder die Stammes—
verwandtschaft in Betracht kam, diese Fähigkeit nachließ und sogar zur Blindheit
gegenüber offenkundigen Abweichungen werden konnte.
2. Das fortschrittliche Moment war in jener Zeit bei den extremen Rich—
tungen, einerseits bei den echten Lutheranern, sofern sie dem bisherigen Zustand
gegenüber etwas Neues, nämlich das vom philippistischen Sauerteig befreite Luther—
tum schaffen wollten, andererseits bei den echten Philippisten, insofern sie für
die als wissenschaftlicher, feiner und „gebildeter“ angesehene kalvinische Abend—
mahlsanschauung, eintraten. Sie waren deshalb jede in ihrer Art Zukunfts-
richtungen. Was dagegen von Eitzen und seine Gesinnungsgenossen vertraten, war
das bisher Ueberkbommene, das Alte und Gewohnte. So
empfanden sie namentlich die brenzische Theologie als etwas Neues, Ungewohntes,
zanz besonders unsere holsteinischen Melanchthonianer. Sie waren also die Kon—
servativen und empfanden sich als solche.
3. Dieser Konservatismus bezog sich aber nicht nur auf die Geltung Melanch—
tkhons innerhalb des Luthertums, sondern in steigendem Maße auch auf die alt—
kirchliche (orthodore) Lehre. Während Luther die großen Grund—
gedanken des altkirchlichen Dogmas (Jesus Christus wahrhaftiger Gott und wahr—
haftiger Mensch in einer Person) aus tiefster Seele als Heilslehre empfand und
sie so aus einem bloß rezipierten Dogma zu einem lebendigen Besitz der evan—
gelischen Gemeinde machte, ist der spätere Melanchthon in die alten Bahnen der
reintraditionellen Wertung der alten Kirchenlehre zu—
rückgekehrt, und seine Schüler sind ihm darin getreulich nachgefolgt, auch Paul
von Eitzen. Die Meinungen der „lieben antiquitas“ waren ihm sehr wichtig,
und die Aussprüche der „rechtgläubigen“ Väter werden von ihm als ebenso be—
weiskräftig wie Bibelsprüche zitiert. Die von Brenz erneuerte echte lutherische
Christologie wurde als heteroder empfunden: in der Bekämpfung der absoluten
communicatio idiomatum und der ubiquitas corporis Christi geht von
Eitzen immer wieder auf die orthodoren, von der ecclesia catholica appro-—
bierten Lehrentscheidungen des Konzils zu Chalcedon, des Briefes Leos J. an
Flavian usw. zurück. In dieser tatsächlich katholisierenden Richtung ging von
Eitzen so weit, daß er auch die neuen Symbole der lutherischen Kirche rein
traditionell wertete und ein gänzlich unpersönliches Bekenntnis zu ihren Worten
empfehlen konnte “). Diesem ausgeprägten Traditionalismus gegenüber erscheint
die gnesiolutherische Richtung mit ihrer schärferen Betonung der allein maß—
gebenden Geltung der Heiligen Schrift und ihrem Drängen auf persönliches
Bekenntnis zum unverfälschten Luther bei aller Scholastik, der auch sie unter—
worfen war, doch als die evangelischere Richtung.
4. Denselben Konservatismus gewahren wir bei Eitzen und seinen Freunden
gegenüber dem biblischen Weltbilde. Die kühnen Spekulationen Brenu—
zens und seiner Schüler über die Illokalität von Himmel und Hölle empfanden
sie als glaubenstürzende Neologie und hielten mit Melanchthon (und Kalvin!) au
in) Mal. Konk. S. 42 ff.