A. Bourignon in SH
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ihren Wanderstab wieder weiter zu setzen. Ihre Freunde in Husum zurücklassend,
fuhr sie noch in der Winterkälte (um den 1. März herum) als Bauersfrau
verkleidet nach Schleswig. Zunächst in einer armseligen Wohnung sich ver—
borgen haltend, konnte sie, nachdem am Hofe einmal wieder ein Umschwung zu
ihren Gunsten erfolgt war, ein Haus auf dem Friedrichsberg mieten und ihre
Freunde von Husum dorthin nachkommen lassen. Nur heimlich schriftstellernd,
alle öffentliche Propaganda unterlassend, konnte sie Atem schöpfen und unter
der Protektion des Kanzlers Kielmann und des Generals von der Wyck — so
behauptet wenigstens ihr Biograph — äußirlich ein geruhiges und stilles Leben
führen.
Desto mehr freilich wurde sie innerlich erregt durch die literarisschen
Angriffe, die nunmehr von seiten der lutherischen Lan—
desgeistlichkeit erfolgten.
Gegen Mitte 1674 erschien das schon früher fertig gestellte Buch des Dom—
prediges Mag. Georg Heinrich Burchardus“): Christliche
Gründliche Anmerkungen über die groben und mehrentheils Gottes—
lästerlichen Irthümer und Lehren ... der Anthoniae Bourignon ... zur schül—
digen rettung der Ehren Gottes und unseres Heylandes Jesu Christi und den
Unwissenden zur nöthigen Warnung kurtz und deutlich zusammengefasset. Schles—
wig, gedr. bei Johann Holwein, 1674, 104 Seiten.
Die prächtige Ausstattung des Buches (Quartformat, großer Druck, bestes
Papier) läsit zusammen mit. dem Druck in der fürstlichen Hofdruckerei darauf
schließen, daß der VDf. von höherer Stelle her (etwa aus einem Fond des GS)
unterstützt worden ist, seine Schrift demnach einen offiziösen Charakter trägt.
Dem entspricht auch die Widmung an Herzog Christian Albrecht.
In dieser rühmt Vf. den Hertzog als einen aller irrigen Lehre abgeneigten Herr—
scher. Er erinnert an Josuas und Davids Eifer gegen verkehrte Lehre und führt
die (mit den Gottorfern so vielfach verschwägerten) Fürsten Schwedens und schließ—
lich den Vater des Herzogs, Friedrich III., als Beispiele der Fürsorge für reine
Lehre an. Endlich rühmt er den Fürsten selber, das er dem „Fladder- und Rumpel⸗
geist“ der alten Schwärmerin A. B. nicht durch die Finger gesehen, sondern durch
Verbot des Buchdruckens und nachher durch Konfiskation ihrer Bücher kräftig
widerstanden habe, und bittet ihn bei dieser seiner Haltung zu bleiben. — Im
gleichen Sinne appelliert er in einer lateinischen An sprache anden Kanz-—
ber Kielmann“).
Endlich wird in einer „Morredeanden Leser“ das bisherige Leben und
Betragen der A. B. geschildert, welche, nachdem sie als eine „fromme Taube“
zuerst sich ruhig verhalten hat, „nunmehr mit einem bösen schrecklichen Gesang
(gemeint ist das „Gezeugnis““) deutlich genug hören lässet und als eine wahr—
hafftige, abscheuliche, herumbschwärmende Nachteule zu schätzen ist“
Nunmehr folgt die 104 Seiten lange eigentliche Abhandlunng. Sie ist
in quter Ordnung geschrieben und verrät ein aroßes Wissen des Merfassers. Er
au) Er nannte sich später Burchardi und ward 1085 zum Propsten von Segeberg, losso zum
Pastor in Heiligenhafen berufen, gest. um 1701. Er war ein tüchtiger, eifriger und gelehrter
Mann und der Anfänger der jetzt im Landeskirchenamt aufbewahrten wertvollen Sammlung
von kirchlichen Verfügungen und Nachrichten.
0) Die Bourignon hatte also nicht ganz Unrecht, wenn sie sonderlich in diesem Buche einen
Veweis dafür erblickte, daß die Landesgeistlichkeit stets bemüht war, die teilweise zur Toleranz
geneigte fürstliche Regierung immer wieder gegen sie aufzuputschen.