Full text: Der kleine Lord

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Lord Fäüntleroy schwenkte seine Mütze und nickte ihr 
mehrmals zu, indes der Wagen weiter fuhr. 
„Die Frau gefällt mir," sagte er. „Sie sieht aus, als 
ob sie Freude an Jungens hätte. Ich werde sie besuchen und 
mit den Kindern spielen — ob sie wohl so viele hat, daß 
man eine ordentliche Compagnie zusammenbringen könnte?" 
Mr. Havisham hielt es nicht für nötig, ihm zu sagen, 
daß er schwerlich Erlaubnis erhalten werde, mit den Portiers 
kindern Kameradschaft zu schließen — derlei Weisheit kam 
immer noch zeitig genug. 
Der Wagen fuhr rasch dahin zwischen den prachtvollen 
alten Riesenbäumen, deren Zweige sich bis auf den Boden aus 
breiteten. Cedrik wußte nicht, daß das Schloß Dorincourt 
einer der schönsten Landsitze Englands war und daß der 
Park und seine alten Bäume ihresgleichen suchten, aber er 
empfand die Schönheit, die ihn umgab. Die untergehende 
Sonne warf ihre schrägen Strahlen auf den Rasen, ringsum 
herrschte tiefe, wundersame Stille. Mehrmals fuhr der Knabe 
mit einem kleinen Aufschrei in die Höhe, wenn ein Ka 
ninchen aus dem Blätterwerk huschte, und als plötzlich ein 
Volk Rebhühner vor ihnen aufstieg, klatschte er glückselig in 
die Hände. 
„Hier ift'ä aber schön!" rief er. „So was habe ich nie 
gesehen. Es ist schöner als der Centralpark!" 
Die lange Dauer der Fahrt setzte ihn sehr in Erstaunen. 
„Wie weit ist es denn," fragte er endlich, „vom Park 
thor bis zum Schlosse?" 
„Drei bis vier Meilen," erwiderte Mr. Havisham. 
„Einen langen Weg hat der Großvater bis zu seinem 
eignen Thore," bemerkte der kleine Lord nachdenklich. 
Jeden Augenblick entdeckte er etwas Neues, als er aber 
das Hochwild gewahrte, das teils im Grase lag, teils auf 
das Geräusch des Wagens hin die hübschen Köpfe mit den 
mächtigen Geweihen erhoben hatte, war er ganz außer sich. 
„Ist denn ein Cirkus dagewesen," rief er jubelnd, „oder 
leben die immer hier? Wem gehören sie?" 
„Deinem Großvater," belehrte Mr. Havisham. 
Bald darauf kam das Schloß in Sicht. Der schöne, 
stolze Bau erhob sich grau und ehrwürdig vor ihnen, die 
letzten Strahlen der Abendsonne glitzerten auf den zahlreichen 
Fenstern. Giebel und Türme und Zinnen hoben sich klar 
vom Abendhimmel ab, der ganze Bau war von üppigem 
iv. es. 4
	        
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