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sich befinden, längst überschritten haben. Es liegt auf der Hand.
dass derartige Vergleichungen und die aus ihnen gezogenen
Schlüsse von äusserst zweifelhaftem Werte sind.
Aber noch ein anderer Grund lässt mich bezweifeln, ob es
wirklich zur Anlage einer blossen Zahnleiste kommen kann. Die
Zahnleisten bleiben, wie Untersuchungen an Säugetierembryonen
lehren, so lange bestehen, bis ihr Zweck, die Bildung von Zahn-
keimen, erfüllt ist. Ihre Funktion ist nicht eine unmittelbare,
sondern eine mittelbare. Die Zahnleiste ist zwar — immer nur
für höhere Vertebraten betrachtet — das Ursprüngliche, was
vorhanden sein muss, um die Existenz des zeitlich Späteren zu
ermöglichen; das zeitlich Spätere aber ist das Wesentliche. Daher
wird auch die Zahnleiste sofort nach erfolgter Papillenbildung
zersprengt, und nur ein Teil bleibt bestehen, um die Ersatzzähne
zu bilden. Auch dieser Teil verfällt der Zerklüftung, wenn seine
Funktion erfüllt ist. Die Existenz der Zahnleiste ist demnach
eine sehr labile und dauert nur so lange, als sich an ihr Zähne
bilden. Sie ist zwar für höhere Wirbeltiere typisch, und wir
halten nur solche Zahnanlagen für echt, die im Anschluss an
eine Zahnleiste entstehen. Aber trotzdem ist nicht ausser acht
zu lassen, dass sie nur Mittel zum Zweck ist, und dass man ihr
für das einzelne Individuum nicht den Wert zumessen kann,
den das fertige Gebiss hat. Wenn auch die Zahnleiste bei der
Zahnbildung höherer Vertebraten der Zeit nach das erste ist,
was sich anlegt, so stellt sie — phylogenetisch betrachtet —
eine sekundäre Errungenschaft dar, denn der bei niederen Wirbel-
tieren in der Schleimhaut des Kiefers sich abwickelnde Prozess
der Zahnbildung wird wegen Mangels an Platz in die Tiefe ver-
lagert; und allein als Mittel zu diesem Zwecke dient die Zahn-
leiste. Deshalb glaube ich, dass wir keine Zahnleisten mehr
erwarten dürfen, wenn es im ganzen Kiefer zu keiner Zahn-
papillenbildung mehr kommt.
Ich komme daher, im Gegensatz zu Röse, zu dem Schlusse,
dass, wenn wir rudimentäre Zahnanlagen suchen, wir unser Augen-
merk auf die Existenz von Zahnpapillen richten müssen. Das
hat schon Geoffruy St.-Hilaire getan; da ihm aber die
Bedeutung der Zahnleiste nicht klar war, so ist er zu einem
falschen Resultat gekommen. Meine Anschauung hält die Mitte
zwischen der Geoffrov St.-Hilaires und der Röses. Ich