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Menge sich vor ihnen fürchtete, würden die mäßigen Fortschritte, die wir über«
Haupt in der Sozialresorm bisher gemacht haben, auch noch nicht existiren."'
Die Sozialdemokratie erwartet nichts vom Wohlwollen der besitzenden
Klassen und alles, was überhaupt heute erreichbar ist, vom Kampfe der
arbeitenden Klassen gegen das Elend und die es hervorrufende Profitsucht des
Kapitals. Darin und nicht in der Annahme, der Kampf gegen das Elend sei in
der heutigen Gesellschaft aussichtslos, liegt einer der großen Gegensätze zwischen
den Sozialdemokraten und Len bürgerlichen Sozialreformern.
Der andere aber liegt darin, daß diese meinen, die sozialen Reformen
könnten und würden einen solchen Umfang erreichen, daß sie den Arbeiter mit
seiner gesellschaftlichen Stellung aussöhnen und von seinem Kampf um die Er
oberung der Produktionsmittel durch ihre Vergesellschastlichung und um dis
Aufhebung des Kapitalverhältnisses abstehen lassen.
Die Sozialdemokraten erklären das für unmöglich, weil der Drang de?
Kapitals nach Vermehrung des Elends, der Knechtung, der Ausbeutung, der
Unsicherheit, durch keine Sozialreform beseitigt werden kann, so daß der Gegensatz
zwischen Kapital und Arbeit unüberbrückbar ist uird der Kampf der Arbeiter
klasse gegen das Kapital nicht enden kann, als bis die Kapitalistenklasse auf
gehört hat zu existiren und die kapitalistischen Produktionsmittel gesellschaft
liches Eigenthum geworden sind.
Um diese Nothwendigkeit des fortgesetzten Klassenkampfes gegen das
Kapital nüt voller Schärfe hervorzuheben und erkennen zu lassen, daß alle Er
wartungen auf einen sozialen Frieden in der heutigen Gesellschaft blos fromme
Wünsche ohne wirkliche Grundlage sind, deshalb betont es das sozialdemokratische
Programm so scharf, daß das Streben nach Vermehrung des Elends, der Un
sicherheit und des Druckes im Wesen des Kapitalismus liegt und von ihm un
zertrennlich ist.
Gute Freunde haben behauptet, diese Auffassung des Programmsatzes, der
vom Elend handelt, sei erst hinterher ersonnen worden, um ihn vor seinen
Kritikern Zu retten, er hätte aber ursprünglich jenen Sinn oder vielmehr Un
sinn gehabt, den Herr Bürger ihm beilegt.
Wie wenig das richtig ist, beiveist schon ein Umstand. In einer Artikel
serie der „Neuen Zeit" vom Jahre 1891, in der das heute geltende Programm
der Sozialdemokratie in seinen wesentlichen Grundlagen empfohlen wurde, hat
der Verfasser auch die Frage der sogenannten Verelendungstheorie behandelt.
Da heißt es unter anderem:
„Vom Standpunkte des Klassenkampfes erscheint nicht blos dis Rr-
volutionsmacherei unsinnig, sondern ebenso sehr jener damit eng verbunden«
Sah: „Es mutz schlechter werden, che es besser wird; je größer das Elend»
desto näher die Revolution."
„Dieser Satz, eine Uebersetzung des frommen Trostsprüchleins „Wenn
die Noth am größten, ist Gott am nächsten" ins „sozialrevolutionäre", ist be
gründet auf einer Anschauung, welche Anarchisten und Harmoniedusler
brüderlich mit einander theilen. Die Einen wie die Anderen behaupten, das
Elend des Proletariats lindern, seine Lage heben, heißt dem Sozialismus
den Boden abgraben.
„Eine Hebung der Lage der Arbeiterklasse könnte nur dann gleich
bedeutend sein mit dem Verzicht auf die soziale Umwälzung, wenn sie zur
Befriedigung der Arbeiterklasse, zu ihrer Versöhnung mit der gegenwärtigen
Gesellschaftsordnung führte. Wäre das möglich, dann spräche das gegen den
Sozialismus und nicht gegen die Reform. Jener wurzelt gerade in der
Ueberzeugung von der Unmöglichkeit, dem Proletariat in der heutigen .Ge
sellschaft eine befriedigende Stellung zu verschaffen.
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