Full text: Die verfluchte Kultur

liche Grausamkeit des Lebens, seine grauenhafte Vergänglichkeit, 
sein sinnloses Dahinbluten, seine ungreifbare Wandelbarkeit/ 
darin nie ein Gleiches wiederkehrt, im Schwachen schufen sie: die 
Sehnsucht nach Dauer und Bündigkeit, nach Treue und Bindung. 
Dem Ewig-Unstäten cntblühte das Ewig-Stäte! Aber wozu? 
Zu welchem Ende? Zum Ende der Vollendung, d. h. der Wieder 
aufhebung aller das Leben unterheizenden Not und damit des 
Lebens selber.'^. . . 
Alles Wissen also galt somit dem Buddba als Anzeichen für 
die Unbefriedigung alles Lebens.^ Dennoch anbefahl er: gerade die 
,Krankheit des Erkennens' zu bejahen, als des Lebens natürlichen 
Weg zur Genesung; gleichwie ein Fieber einmal zwar ist Ansage 
dafür, daß ein Fremdkörper ins Blut eindrang; sodann aber auch 
der Weg, welchen die Natur selber bcschreitet, damit sie den Fremd 
körper ausstoße und angleiche. Dies ist die Lehre der Wahrheit 
aus Leid'; der Erde tiefste Lehret Mit ihr geriet das Leben auf 
die Bahn der Bejahung des Geistes und aller ihn stauenden Nöte. 
Auf den Weg also zur Verneinung seiner selbst. . .. Schiwa der 
Tänzer wurde Schiwa der Asket. . . . 
Im Abendlande, genau um dieselbe Frist, vollzog sich die 
lebenbedrohende Wende durchSokrates.—Dieser erste aus Lcidens- 
tiefen der Verknechtung aufgestiegene Titan/Hauchte und ballte seine 
Wort- und Begriffswolken wider die bildfrohe Götterwelt des 
homerischen Olymp; führte die Sache der in Stadt und Markt 
gekäfigten Menschheit gegen Satyr und Sylphe und begründete 
jene lcbenübermächtigendcn Wissenschaften vom Sollen, die wir 
heute Logik nennen und Ethik. ^ 
Damit erblühte die abendländische Wissenschaft, der Sklavcn- 
aufstand des Geistes. Alles Sichtbare wurde unglaubwürdig. 
Etwas bloß Gedachtes trat an seine Stelle. Dem Elemente ent 
stieg die gewußte Wirklichkeit rechnerischen Uebcrmächtigungs- 
willcns. Vergebens sprach der letzte königliche Mensch, der dunkle 
Heraklit, wider Atomistik und Mechanik warnend, sein als Ein 
falt verlachtes Wort: ,Die Sonne ist zwei Fuß breit. 6 
1 aunicca, Vergänglichkeit; asubhä, die Ekelnatur des Lebens. 
2 nirvänä, SBiebcrcitiDertriiifliuifl iapokatastasis); advaita (sukhävati), 
das Glncksland; das Paradies. * bhava-tanhä, Werdedurst, Lebenswille. 
4 dukba-sätya, Leidenswissen. 6 Lessing, Europa».Asien, S. 89f. 6 Lncrez:, 
,Größer ist nicht der Sonne flammendes Rund als deinem Sinn cs erscheint.
	        
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