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Immer aber war auch der nüchternste Wissenschaftler des
Abendlandes selbunbewnßt ein Kind des Christentums, d. h. des
Humanismus.
VI.
,Wer's erkennt, der weiß es nicht.
Kena-Up. 11.
Wer in der Wissenschaft unsrer Erdhälfte heimisch ist, dem
erscheint die Welt unabwendbar unter dem Bilde des Kampf
platzes miteinander hadernder Energien oder als das Bild des
Handelsmarktcs, beherrscht vom Gesetz, des kleinsten Kraftauf
wandes; gelenkt vom Ideal der billigsten Selbsterhaltung.*
Unsere Wissenschaft vermag das Lebendige schlechterdings nur
unter dem Bilde der Kraft zu betrachten, als Gefälle oder Funktion,
als Dynamik oder Betrieb in der Zeit.
.Denken ist Rechnen in Worten' ... hat der erste europäische
Logiker gesagt. 2 Aber ursprünglich bedeutete das Wort .Wissens
das indische vscla nichts anderes als Gesicht oder Schau.
Man darf nicht wähnen, daß das Morgenland .denke', in
unserm Sinne.
Das Denken Indiens ist gesteigerter Lebenszustand, vergleich
bar jenem Hellfühlen, welches einzelnen vielleicht erlebbar wurde
unter Einwirkung von Morphium, Kola oder Aether.
Diese Erkenntnis steht dem Traum ungleich näher als dem
denkenden Tageöwachbewußtsein.
Träume sagen unmittelbar was ich bin. Ob mein Leib gesund
ist oder krank, gehemmt oder frei, fiebernd oder erschlafft, da
von sind Träume die unmittelbaren Spiegelbilder. Jeder Gegen
stand wird im Traume zu meinem Zustand.
Dementsprechend ist das morgenländische Denken nicht ab
strakt, nicht .intentionales Denken'. Nicht mechanisch, nicht gegen
ständlich, sondern es denkt in Symbolen, wo wir als Begriffler
und Geistler uns durch Analogien verständigen.^
Daher ist im Morgenland die erste Bedingung zum Philo
sophen ein langes Üben im Schweigen. Naja-Aoga und Kasina-
1 Newton faßte dies sog. Oekonomiegesetz in Jbic ft-oi-mel: .maximus effectus
minimo sumptu“ (Mach). 1 2 Hobbcs 3 Symbol kommt von symballein,
Zusammenfallen; Analogie heißt Ent-spreche».