Full text: Pädagogische Psychologie

86 I. Teil. Allgemeine pädagogische Psychologie. 
Bedürfnisse ein, die ganz auf das wirkliche Leben gerichtet sind. 
Im Knaben- und Mädchenalter lebt der Mensch zwar auch noch 
vorzugsweise in der Gegenwart wie im Kindesalter, aber es ist 
nicht mehr eine erträumte, sondern die wirkliche Welt, die ihn 
mehr und mehr in ihren Bann zieht. Noch ist ihm sein Ver- 
hältnis zu den Erwachsenen nicht zum Problem geworden, er 
pocht noch nicht auf seine Selbständigkeit, sondern sucht nur 
am Ende dieses Alters die Kräfte, die sich bedeutend entwickelt 
haben, namentlich die körperlichen, zu gebrauchen, oft. genug 
an der unrechten Stelle und bei unpassender Gelegenheit. In der 
ersten Hälfte dieser Periode sind die meisten Handlungen noch 
triebhaft, in der zweiten erfolgen sie mehr und mehr auf Grund 
von Überlegung. Auch der Sinn für das Wahre, Gute, Schöne 
und Heilige regt sich zunächst triebhaft, wie man ja unbedenk- 
lich vom Wahrheits-, Sittlichkeits-,- Schönheits- und religiösen 
Trieb reden darf. Das Spielerische des Fragealters macht nun 
einem gewissen Ernste Platz, ohne sich auf einmal ganz ver- 
drängen zu lassen. Die Kinder im Knaben- und Mädchenalter 
haben „halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen“. In der dritten 
Periode fängt der junge Mensch an, als Erwachsener gelten zu 
wollen, und da zum Sein noch nicht die Kräfte ausreichen, ist 
sie durch den Widerspruch zwischen Wollen und Können 
charakterisiert. 
4. Da wir es fortan bis zum Schlusse unserer Untersuchungen 
mit dem Begriffe des Typus zu tun haben, müssen wir ihn 
noch etwas näher bestimme&i.- Typus (vom griechischen Worte 
eönıw = schlagen, davon zömos = der Schlag und das da- 
durch Bewirkte, das Geformte, das Bild, die Statue, überhaupt 
Form, Gestalt, Gepräge, Charakter) bedeutet zunächst kaum 
etwas anderes als unser Wort Charakter (von yagdoom = 
spitzen, ritzen, davon %agaxto == das Eingegrabene, Einge- 
prägte, die eingeprägte Eigentümlichkeit), nur daß man diesen 
Begriff mit Vorliebe auf das moralische Gebiet einschränkt. Wir 
könnten Typus zunächst mit dem Worte Muster wiedergeben 
in dem doppelten oder schwankenden Sinne, in dem man dieses 
Wort zu gebrauchen pflegt. Wenn wir diesen Begriff etwa auf 
Kleiderstoffe anwenden und ein gestreiftes, ein kariertes, ein punk- 
tiertes und ein geblümtes Muster unterscheiden, so wollen wir damit 
Sorten bezeichnen, die am weitesten voneinander abstehen oder we- 
nigstens erheblich untereinander verschieden sind. Dabei steckt in
	        
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