8 22. Die Werttypen der Erzieher, 235
trauen auf die göttliche Gnadenhilfe ist geeignet, ‘die natürliche
sittliche Widerstandskraft des Menschen gegen das Böse zu
steigern. Die Überzeugung von einem unbeschreiblichen Glück
in einer jenseitigen Welt zeigt auch da noch ihre Wirksamkeit,
wo Natur- und Kunstgenuß gegenüber den Leiden des Lebens
versagen. Für die eigentümlich religiösen Güter dieser drei-
fachen Art regen sich schon beim kleinen Kinde Anlage und
Verständnis; aber zunächst sucht es sich einmal heimisch zu
machen in der irdischen Welt. Diese ist ihm anfangs ganz und
gar fremd, und was erscheint daher natürlicher, als daß es sich
vor allem getrieben fühlt, sich mit ihr mehr und mehr vertraut
zu machen! Eine gewisse religiöse Einstellung ist damit sehr
wohl vereinbar, aber die religiöse Natur des Menschen kann erst
dann sich stärker geltend machen, wenn sich der Mensch der
Grenzen seines Erkennens, Fühlens und Wollens bei der Er-
oberung dieser Welt klarer bewußt wird. Das ist aber nicht
der Fall, solange das Kind die eigenen Kräfte wachsen fühlt und
ihm die Erwachsenen, insbesondere die Eltern fast wie all-
wissend und allmächtig vorkommen.
Von hier aus ergibt sich nun doch eine zwar mit den anderen
Werttypen nicht auf die gleiche Stufe zu stellende, aber doch
in einer anderen Beziehung vorhandene Einseitigkeit des
eigentümlich religiösen Erziehers, wie sie eben vom Begriffe
des Typus unabtrennbar ist. Es besteht für ihn die Gefahr, das
höhere Gebäude der Religion im Kindesherzen aufbauen zu
wollen, bevor der unentbehrliche natürliche Grund gelegt ist.
Er baut leicht in die Wolken, indem er den theologischen Grund-
satz vergißt, daß das Übernatürliche, namentlich die Gnade, das
Natürliche zur Voraussetzung hat. Die Kinderseelenkunde läßt
er allenfalls als Grundlage für die sonstige Erziehung gelten, für
die religiöse lehnt er sie ab oder mißt ihr nur eine nebensäch-
liche Bedeutung zu. So beschränkt er sich unter Umständen
darauf, den Kindern mehr äußerlich die Religion zu vermitteln,
religiöse Lehren mehr gedächtnismäßig einzuprägen, ohne ihnen
ihren Sinn zu hinreichendem Verständnis zu bringen, so ge-
wöhnt er sie an religiöse Übungen, ohne dazu ihr tieferes Ge-
fühlsleben in Beziehung zu setzen. Der wahrhaft religiöse
Mensch ist ganz von dem Bewußtsein durchdrungen, daß er
selbst nur pflanzen und begießen kann und daß Gott allein das
Gedeihen gibt. Diese feste Überzeugung ist auch dem religiösen