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Zuschauergruppen werden oft in drastischer und auch wieder gro
tesker Weise zur Stellungnahme gezwungen. In heute wirksamen
Theaterstücken spielt der Zuschauerraum eigentlich mit. Man sieht
sich heute nicht mehr wie früher Erstaufführungen an, um einen rein
aesthetischen Genuß zu haben oder einen Theaterskandal zu er
leben (das ist zum mindesten als nicht mehr zeitgemäß zu be-
zeichnen). Man kann vielmehr im Theater die gemeinsame Stel
lungnahme zu höchst wichtigen, etwa politischen Zeitproblemen
oder auch eine sehr deutliche Auseinandersetzung damit erleben,
die bis zur Spaltung der Zuschauer in zwei große Mitspieler
gruppen führen kann, die sich gegeneinander erregen und ihre Zu
stimmung und Ablehnung laut werden lassen. Wenn die so ge
schilderte moderne Theatersituation auch vielfach heute noch
unter der schlechten Erziehung des Publikums leidet, so ist
dieser neue Wille zu geistiger Auseinandersetzung mit der Gegen
wart durch das Theater doch grundsätzlich deutlich.
Die gesamte Literatur und dichterische Produktion der Zeit er
hält so eine einheitliche Aufgabe: die Bildung einer gestuften und
der Gesamtheit des Volkes gerecht werdenden öffentlichen Mei
nung 1 ). Die zur Selbständigkeit erwachenden Teile des Volkes,
Arbeiter, Frauen, Jugend aller Schichten, wollen sich nicht mehr
bloß etwas Vorsingen oder sagen oder vorhandeln lassen. Sie wollen
selbst Stellung nehmen, wollen Anteil haben, wollen gruppenweise
zustimmen oder ablehnen, sie wollen ihr eigenes Gefühl verdeutlicht
und bestätigt erhalten, sie wollen ihre Gedankenwelt geklärt haben.
Vor allem wollen sie sich entzünden und aktiv werden an dem
dichterischen Ausdruck des allen gemeinsamen Schicksals dieser
Zeit.
1 ) Vgl. die Ausführungen über die Bildung einer verantwortlichen öffentlichen
Meinung, S. 50 ff.