Full text: Praxiteles

NEUNTES KAPITEL. 
BROS. 
Mehr als einmal sind wir auf unserem Pfade der Flügelgestalt be 
gegnet, die auf das Schaffen unseres Meisters wie auf seinen Ruhm gleich 
gewaltigen Einfluss geübt hat; immer nur für einen kurzen Augenblick, nun 
stehen wir mit dem ganzen Gefühle ihrer Unlösbarkeit vor der Aufgabe, 
sie festzuhalten. Die literarischen Quellen sind diesmal von einer fast un 
heimlichen Geschwätzigkeit, die auf die moderne Forschung, sagen wir an 
regend, gewirkt zu haben scheint, aber sie hat alle ihre Liebenswürdigkeiten 
auf den einen, durch die interessante ursprüngliche Besitzerin in Mode ge 
brachten thespischen verschwendet, während wir fast nur zufällig durch 
Plinius erfahren, dass es auch noch einen zweiten in Parion an der Propontis 
gab, was wir wohl nicht hören würden, wäre sein Andenken nicht in den 
Memoiren der Chronique scandaleuse des Altertums bewahrt worden. Sicher 
lich gäben wir leichten Herzens mehrere der fünf erhaltenen Versicherungen, 
dass man bloss des Eros wegen nach Thespiä gefahren sei, weil sonst dort 
gar nichts zu sehen wäre, nebst einigen gänzlich unnützen Epigrammen der 
Anthologie für ein paar beschreibende Worte eines dieser Kunstreisenden; 
dann würden wir wenigstens nicht fürchten müssen, es werde statt Er 
kenntnis Ermüden dem Suchen das Ziel setzen. Denn des Suchens bedarf 
es diesmal, kein Prätendent mit den unverkennbaren Familienzügen und 
dem nötigen Replikengefolge erhebt von selbst seinen Anspruch, eine 
sicherlich höchst merkwürdige Thatsacliß, die Umkehrung der beim aus 
ruhenden Satyr zu Tage getretenen Sachlage; und gesucht wurde auch bisher 
recht fleissig, „es ist ja kaum eine wirkliche oder vermeintliche Eros 
darstellung nicht in Verbindung mit dem Namen des Praxiteles gesetzt 
worden“ (Wolters). 
Der Platz an der Spitze aller Nachrichten, die uns aus dem Altertume 
von dem thespischen Eros erzählen, gebührt einem Epigramm von vier Zeilen,
	        
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