Full text: Die Theodicee. (4)

Abhandlung II. § 118. 
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„Kennzeichen des Wissens, der Geschicklichkeit, der 
„Macht und Grösse, welche in seinem Werke hervor- 
„treten zum Glück der vernünftigen Geschöpfe bestimmt. 
„Er hat gewollt, dass die Menschen seine Vollkommen 
heiten nur deshalb kennen lernen, damit diese Art von 
„Geschöpfen ihr Glück in der Erkenntniss, Bewunderung 
„und Liebe des höchsten Wesens fänden.“ 
Dieser Satz scheint mir nicht bestimmt genug. Ich 
gebe zu, dass das Glück der vernünftigen Geschöpfe den 
Haupttheil in den Absichten Gottes bildet, da sie ihm 
am meisten ähneln, aber ich sehe nicht ein, wie man 
zeigen will, dass dies sein einziges Ziel gewesen sei. 
Das Beich der Natur muss allerdings dem Reiche der 
Gnade dienen; allein in dem grossen Plane Gottes ist 
alles mit einander verknüpft und deshalb wird auch das 
Reich der Gnade in gewisser Weise dem Reiche der 
Natur angepasst sein, so dass dieses die möglichste 
Ordnung und Schönheit sich erhält, um die Verbindung 
beider zu der möglichst vollkommensten zu machen. 
Man kann deshalb nicht annehmen, dass Gott um einiger 
moralischen Uebel willen die ganze Ordnung der Natur 
umstosse. Jede Vollkommenheit und jede Unvollkommen 
heit in den Geschöpfen hat ihren Preis, aber nichts hat 
einen unendlichen Preis. Deshalb übersteigt das rnora- ] 
lische und physische Gute und Uebel der vernünftigen 
Geschöpfe nicht in unendlicher Weise das blos meta 
physische Gute und Uebel, d. h. das, was zur Voll 
kommenheit der übrigen Geschöpfe gehört, obgleich dies 
doch der Pall sein müsste, wenn der obige Satz in voller 
Strenge wahr wäre. Als Gott dem Propheten Jonas er 
klärte, weshalb er den Bewohnern von Ninive verziehen 
habe, so berührte er selbst die Rücksicht auf die 
Thiere, welche bei der Zerstörung dieser grossen Stadt 
mit untergegangen sein würden. Nichts ist vor Gott 
unbedingt verächtlich oder schätzens werth. Der Miss 
brauch oder die übertriebene Ausdehnung des hier vor 
liegenden Satzes scheint zum Theil die Schwierigkeiten 
veranlasst zu haben, die Herr Bayle hier aufstellt. Es 
ist gewiss, dass ein Mensch bei Gott mehr bedeutet, als 
ein Löwe, dennoch dürfte es zweifelhaft sein, ob Gott 
einen Menschen dem ganzen Löwengeschlecht in jeder 
Beziehung voranstellen würde; aber selbst wenn dies der
	        
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