Full text: Aus dem Leben des Geheimerath Wagener

Senfft v. Pilsach, Gerlach, Stahl, Graf Boß, Graf Fincken- 
stein u. 31. Es konnte nicht fehlen, daß bei den hervorragenden 
Charakter- und Geistes-Eigenschaften Wagener's für die Zwecke 
der Conservativen, der Wunsch in denselben entstand, ihn als 
ersten Journalisten für die neu zu gründende Zeitung zu ge 
winnen, und speziell auf Antrieb Gerlachs übernahm er die 
Chcfredaction des Blattes. Mit diesem Moment begann die 
eigentliche Glanzperiode Wageners. Seine Vollmacht nicht nur 
in redactionellcr, sondern auch in pecuniärer Beziehung war 
eine vollkommen unumschränkte, und Wagener, plötzlich in die 
glänzendsten Verhältnisse versetzt, war vollkommen der Mann 
dazu, sie nach allen Seiten hin auszunutzen. Seine Thätig 
keit als Journalist conservativer Richtung und die fast maaß 
lose, nichts scheuende Keckheit seiner Angriffe gegen die Gegner 
der Partei verschafften der Zeitung bald eine große Gelesenheit 
in allen Kreisen der Conservativen und mehr und mehr eine 
Bedeutung für die ganze politische Welt. Es war die Blüthe- 
zeit auch der Kreuzzeitung. Um sie schaarte sich das ganze mäch 
tige und vornehme Heer der Conservativen, in ihren Redac- 
tionsbüreaux conferirten die hervorragendsten Spitzen der Aristo- 
kratie und die staatlichen Größen conservativer Richtung; in 
ihren Vorzimmern antichambrirten Männer, welche heut zu den 
Ersten des Jahrhunderts gehören; in ihren Gehcimzimmern 
arbeiteten Special-Reporter wie Ohm und Hentze, aus deren 
fingirteu Angaben Denunciationen der nichtswürdigsten Art, 
deren Folge sogar ein Proceß Waldeck sein konnte, in die Welt 
geschleudert und der Regierung unterbreitet wurden. Sv war 
Wageners Redaction und so blühte unter ihm die Zeitung em 
por. Seine Stellung in jener Zeit war eine in unserer poli 
tischen Geschichte beispiellose. Er war der angebetete Abgott 
der conservativen Partei, der höchsten Aristokratie und Regie 
rungskreise; er wurde mit Ehren überhäuft, mit enormen Geld 
summen überschüttet, er hatte plein pouvoir fast über jede von 
ihm gewünschte oder als für die Zwecke der Partei erforderlich 
bezeichnete Summe, und er wußte sie auch zu verwenden: trotz 
der bedeutenden Einnahme des Blattes, trotz der großen Zu 
schüsse, welche auf sein Verlangen von der reichen Aristokratie, 
insbesondere zu wiederholten Malen vom Grafen Voß, für die 
Zeitung und ihre Zwecke hergegeben wurden, war doch bald 
immer wieder von Neuem Ebbe in den Kassen, und die Finanzen 
in so tiefem Verfall, daß Wagener einst, als die Extra-Ein 
nahmen weniger reichlich flössen, oder als er aus guten Gründen 
seine Gönner noch nicht wieder in Anspruch nehmen durfte, 
genöthigt war, um seinen Verpflichtungen an den Papier 
händler rc. nachzukommen, die Druckerei der Zeitung zu ver 
pfänden. Sein Wirth, Schneidermeister Meißner, der ihn sich zum 
Behuf der Anstellung seines Sohnes in den Bureaux der Zeitung
	        
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