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Rede des Neichstagsabgeordneten des 6. Berliner Wahlkreises
Georg Ledeösm
in der Verfaffungsdebatte am 2. Dezember 1906.
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Lrdebonr, Abgeordneter. Antragsteller: Meine Herren, ich mochte
zunächst meinem Befremden Arrsdruck geben, daß wir in so außerordent
lich dürftiger Weise über das unterrichtet worden sind, was in Potsdam
zwischen dem Reichskanzler Fürsten Bnlvw und seinem Monarchen ver
handelt worden ist. Als damals in der „Norddeutschen Allgemeüwn
Zeitung" die bekannte Notiz erschien, rief deren merkwürdige diplo
matische Stilisierung überall arge Unklarheiten der Auffassung hervor.
Auch meine beiden Vorredner sind über deren Bedeutung verschiedener
Meinung. Bei Lesung jener Notiz dachte man zunächst: na, das ist so
eine Verlegenheitsäutzerung, die irgendein demnächst zu emeritierender
Preßbeamter' des Auswärtigen Amts in die Presse gebracht hat. und
meinte, der Reichskanzler werde die nächste Gelegenheit ergreifen, um
hier im Reichstage klipp und klar Auskunft darüber zu geben, was das
denn nun eigentlich bedeuten soll.
Der Herr Reichskanzler hätte ja sogar Gelegenheit gehabt, bei der
Reichsfinanzreform über diese Frage zu sprechen. Aber auch da hat er
sich ausgeschwiegen. Er hat uns über alle möglichen volkswirtschaftlichen
Fragen unterhalten, worüber er sich offenbar einige Stunden vorher
von irgendeinem Geheimrat hat informieren lassen. (Heiterkeit.) Ja.
meine Herren, was der Herr Reichskanzler Fürst v. Bülow in Entwicke
lung seiner Spartheorie da sagte über die Franzose!: als ein Rentner-
volk. das er dem deutschen Volke zur Nachahmung, anpries, das würde
man selbst nicht einmal einem eben von der Universität kommmrden
Referendar verzeihen dürfen. Also wir haben auch bei jener Gelegenheit
gar nichts zu hören bekommen über den Inhalt der Potsdamer Ab
machungen. und heute erscheint nicht einemal der Herr Reichskanzler
selbst, obgleich eine derjenigen Parteien, die ihn noch zu unterstützen
behauptet, diese Frage ans die Tagesordnung gestellt hat, um sich zu
verantworten und um AufMrung zu geben. Er überläßt es dem Herrn
v. Bethmann-Hollweg, ausgesucht dem Herrn v. Bethmann-Hollweg
(große Heiterkeit), diesem zweifellos zu diplomatischen Gescksiisten immer-
hin brauchbaren Herrn, hier den Reichstag wiederum mit absolut nichts
sagenden Reden hinzuhalten.
Was in aller Welt sagt denn die Notiz der „Norddeutschen All
gemeinen Zeitung"? Der Herr Dr. Müller-Meiningen, der noch optimi»