10
Was ist da alles von aussichtsreichen Rcichskanzlerkandidatnren genannt
worden! Ein General, dessen hervorragende stäätSmän nische Leistung
darin besteht, dag er gewöhnt ist, dem Kaiser die Hönde zn küssen.
(Heiterkeit.) Dann ein hoher Aristokrat, von dem erzählt wird, seine
staatsmännische Begabung zeige sich darin, daß er bei intimen Hoffestlich
keiten sich eine wächserne Nase anklebt und sie über einem Kerzenlicht
abtropfen läßt. (Große Heiterkeit.) Es wäre zweifellos möglich ge
wesen, daß einer von diesen Herren, die ich erwähnt habe, zum Reichs
kanzler ernannt worden wäre.
Und nun frage ich Sie alle von den bürgerlichen Parteien: sehen
Sie, die Sie heute das Bürgertum vertreten, die Freisinnigen, die
NationalUbcralen, das Zentrum, die Sie alle verschiedenen Nuancen
des Bürgertums vertreten, sehen Sie nicht die Notwendigkeit ein. da
Wandel zu schaffen? Sie bilden die Mehrheit, und wenn Sie wollen,
können Sic selbst ohne Unterstützung — aber unsere Unterstützung ist
Ihnen sicher — die Sache durchsetzen. Stellen Sie doch einmal Ihre
kleinen konfessionellen Differenzen zurück! Schließen Sie eine trpugft
Dei (Gottesfrieden) auf vielleicht 6 oder 3 Jahre ab und Vereinen Sie,
sich zur Durchsetzung des parlamentarischen Regimes! Trauen.Sie sich'
denn die Kraft hierfür nicht zu? (Heiterkeit.) Meine Herren, ich will
Ihnen wirklich nich! schmeicheln. Aber wer z. B. aus Grund einer dieser
Parteikonstellation entsprechenden Mehrheit berufen würde, das Schatz
amt zu übernehmen, sei es Herr Dr. Paasche oder Herr Müller (Fulda)
oder Herr Dove (große Heiterkeit), — das werden Sie mir doch alle
glauben: erfolgloser als die bisherigen Rcichsschatzsckrctäre eö bisher ge
macht haben, tonnen sic cs unmöglich machen. (Stürmische Heiterkeit.)
, Da möchte ich Ihnen doch ein Wort des alten Ziegler zurufen, eines
der Borkämpfer des Bürgertums, der den Bürgern zurief: „Erfüllen
Sie sich doch mit dem wilden Mute des Junkertums und erobern Sic
sich die Macht!" (Zuruf links.) — Jawohl, Sie können sich die Möcht
jetzt erobern, weil Sic das Volk hinter sich haben. (Lebhafte Zustimmung
bei den Sozialdemokraten.)
Die sozialdemokratische;! Anträge»
Ich weise hier aber insbesondere auf eine Bestimmung in unserem
Antrage betreffend die Ministerverantwörtlichkeit hin, die geradezu das
Entsetzen des Völkstribunen Abgeordneten Müller (Meiningen) her-
"vorrief. Er sagte: daß der Reichskanzler zn entlassen ist, wenn der
Reichstng das sordert, das ist unannehmbar! (Widerspruch links.) —
Pardon, daun freut es mich, dann werden Sie also dafür eintreten!
(Große Heiterkeit.) Gerade ans diese Bestimmung legen wir einen hohen
Wert, weil sie eine Möglichkeit gibt, unfähige, den Bedürfnissen des
Volkes nicht entsprechende Reichskanzler einfach abzusetzen. Wenn man
diese Praxis kcstisegiicnl durchführte, würde sich damit schon die Not
wendigkeit einbürgern, daß nur solche Leute zu Reichskanzlern ernannt
werden, die das Vertrauen einer arbeitenden Mehrheit de§ Reichstags
genießen, die dann ans dieser Mehrheit selber ernannt werden müßten
gemäß dem. Grundsätze, daß nur ein.bewährter, als politischer Charakter
für politische Ueberzeugungen eintretender Mvnn überhaupt ernannt
werden dürfte.
Was die Zusammensetzung des SkantsgerichtShofcs anbelangt, fa
ist das eine Frage, über die man sich mit den Herren verständigen kann