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©öroitfüm ist den Vundesratsmitgtiedern besonders das Recht zu
gestanden, außerhalb der Tagesordnung das Wort zu ergreifen und
dieses Recht hat dazu geführt, daß es ganz anders angewendet wird, als
der Art. 9 wollte. Dieser Verfassungsparagraph war gegeben, um den
„kleinen" Bundesratsmitgliedern jederzeit das Recht zu eröffnen, die An
sichten ihrer Regierungen der Majorität der Reichsregierung gegenüber
zur Geltung zu bringen. Er ist aber dazu ausgenutzt worden, selbst
dom Reichskanzler und den einzelnen Negierungsvertretern, um hier auf
zutreten und, ohne daß irgendjemand aus dem Hause darauf erwidern
und den Kanzler zur Verantwortung ziehen tonnte, schwere Angriffe
gegen eine Partei des Hauses zu schleudern. (Sehr richtig! bei den
Sozialdemokraten.) Wir haben das erst nach den Wahlrechtsdrinonstra-
klonen im Anfang dieses Jahres erlebt. Da ist der Herr Reichskanzler
hierhergekommen und hat, anstatt die Frage zur Erörterung zu stellen,
bor der Tagesordnung das Wort genommen, hat die Wahlrechtsbewegnng
in Preußen angegriffen nnd direkt die Sozialdemokraten verantwortlich
gemacht für irgendwelche Vorgänge, die dabei vorgekommen sind. Das
darf nicht weiter so fortgehen, daß irgendein Vundesratsmitglied dieses
Recht mißbraucht, um sich der Verantwortung auch nur für seine Rede
zu entziehen. (Sehr richtig! bei den'Sozialdemokraten.) Deshalb ver
langen wir einen Zusatz zu dem 8 48 der Geschäftsordnung, der heißt:
Nimmt er außerhalb der Tagesordnung das Wort, so ist die Dis
kussion über seine Ausführungen zu eröffnen.
Der Herr Abgeordnete Müller (Meiningen) hat darauf hingewiesen,
es gebe noch sehr viele andere Bestimmungen der Geschäftsordnung, die
verbesserungsbedürftig sind. Darin stimmen wir wahrscheinlich alle
überein, wir Sozialdemokraten insbesondere. Aber gerade weil es uns
darauf ankam, jetzt sofort eine Aktion durchzuführen, haben wir darauf
verzichtet, noch weitere Anträge einzubringen, deren Durchsetzung im
Augenblick nicht notwendig ist, die aber möglicherweise, wenn sie in einer
Kommission zu Bcrschleppungscrvrternngeri benutzt werden, die Geschichte
auf die lange Bank hinausschieben könnten. (Sehr richtig! bei den
Sozialdemokraten.) Die Gefahr liegt aber in dem Antrag der Frei
sinnigen, die von einer umfassenden Revision sprechen.
Ich will dabei nur auf eins hinweisen: gerade das, was Herr Müller
'(Meiningen) anregt, daß auch nach dem englischen Vorbilde des
qnestion day besondere Tage im Reichstag eingerichtet werden, an dem
Fragen gestellt werden können, hatte ich persönlich in einem Antrag
formuliert: aber auf den Rat meiner Freunde, den ich als durchaus
richtig anerkannt habe, nahm ich davon Abstand, darauf zu dringen, daß
daS auch eingebracht wird. Sie sehen also, das Bedürfnis befielst auch
bei uns, und wir werden, sobald sich Gelegenheit bietet, darauf zurück
kommen. Ich weiß aus meinen eigenen Wahrnehmungen in England,
welch außerordentlicher Wert für das Parlament in den question days
besteht — nicht nur aus dem Grunde, daß damit die fortlaufende Kon
trolle der Regierung ermöglicht wird, sondern auch noch aus einem
anderen, daß dann die Budgetdebatte von einer Unmenge Ballast befreit
werden kann, von Anfragen usw., die jetzt die Debatte ins Unendliche
ausspinnen, nnd die tatsächlich deshalb gegenwärtig ihren Zweck nicht
erreichen, »veil sie zu spät kommen. Sowie wir einen Auskunststag
haben, d. h. einen Tag, an dem etwa 2 Stunden lang fortwährend bloß
Fragen gestellt werden, die sofort beantwortet werden, können wir eine