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die Möglichkeit zu fordern, zu zwingen. Sie brauchen bloß zu erklären,
wenn eine Majorität im Reichstag sich dafür zusammenfindet, daß Sie
unter keinen Umständen sich jetzt aus irgendwelche Zugeständnisse in der
Finanz, und Budgetfrage einlassen, das; Sie nicht eher verhandeln, als
bis die notwendige Vcrfasinngöreform durchgeführt ist; das; Sie es ab-
lebneu, mit den Herren zu verhandeln, so wie diese es bisher stets ab
gelehnt haben, mit Ihnen zu verhandeln, wie sic es auch heute abgelehnt
haben, mit Ihnen zu verhandeln, wenn ihnen die Sache unbequem ist.
Ich sage, wenn Sie das tun, so entstehen zwei Möglichkeiten: entweder,
was das Klügste wäre, die Preußische Regierung gibt als „Verbündete
Regierungen" nach. Aber da die preußische Regierung niemals daS
Klügste tut (Heiterkeit), und es also nicht wahrscheinlich ist, so erwarte
ich das nicht. Pas Wahrscheinlichste ist, daß der Reichskanzler Fürst
Vülow oder, wenn er nicht mehr mitmachen will und sich nach Klein-
Flottbek zurückzieht, ein aus der Retorte plötzlich auftauchender Reichs-
kanzler, selbstverständlich unter der Assistenz der sämtlichen Minister, er
klärt: das geht nicht, das verletzt die Interessen des Vaterlarrdes, wir
lösen den Reichstag auf!
Ja, meine Herren, etwas Besseres können Sie sich gar nicht
wünschen. Wenn unter der Parole: entweder die Fortführung des bis
herigen RkgirrnngsstzstrmS, des schrinkonstitiitionellen, bnrcankratischen
junkerlichen NrgirrunHsstzslems oder die Durchführung des demokratischen
Parlamentarismus eine RcichStagsnenwahl vorgenommen würde, so
würden ja samt und sonders diejenigen Parteien, die sich auf den Baden
des Parlamentarismus stellen, einen gewaltigen Aufschwung nehmen,
eine gewaltige Begeisterung be^ihren bisherigen Anhängern und den
neuen Anhängern, die sie viellcHt noch erwerben könnten, erreichen.
Dann würden unter allen UmMnden diejenigen Leute, die es wagen
würden, das Kamarilla- und Kabinettsystem zu beschützen, weggefegt
Werden. Um so sicherer würde daiw die Durchführung des parlamen
tarischen Regimes sein. Sie würden durch dieses Auftreten aber aiich
noch etwas anderes erreichen, nämlich die Beunruhigring' aus dem Aus
lande wegschaffen, das setzt durch die offizielle Politik und durch un-
offizielle Reden fortwährend beunruhigt wird. Sie würden es erreichen,
daß die Befürchtung, daß Deutsästand in einen Krieg gegen irgendwelche
Nation eintrete, um sich aus seinen inneren Wirren zu retten, schwinden
würde, wenn Sie für den Reichstag auch das Recht der Mitwirkung über
Krieg und Frieden erringen würden. Sie würden dadurch für den
Frieden wirken, wenn Sie den Mut hätten, die Macht zu benutzen, die
Ihnen jetzt die günstigen Umstände in die Hand gegeben haben.
Leider ist die Taktik der Machtausnutznng sogar von freisinniger
Seite gekennzeichnet worden.als eine Erprcsserpotitik. Welch ein Tief
stand der Selbstachtung liegt darin, wenn ein Abgeordneter die berech
tigte Ausnutzung derl parlamentarischen Machtmittel als Erpresserpolitik
kennzeichnet! DaS zeigt doch, daß, wer das sagt, sich gegenüber der
Regierung als ein Bettler betrachtet, der, wie der Bürgermeister
Kirschner am Brandenburger Tor vor fremden Königen, vor der Reichs-
regierung mit dem Hut in der Haich herumbuckelt, ob sie nicht so gnädig
fein will, irgendwelche Konzession zu gewähren.
Nun. meine Herren, Sie haben die Möglichkeit infolge der überall
im Volke herrschenden Mißstimmung, eine wirklich demokratisch-parla
mentarische Negierung zu erlangen, und da Sie die Möglichkeit in der