Full text: Bureaukratismus und Kamarillaregierung oder demokratischer Parlamentarismus?

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Sozialdemokraten schon seit langer Zeit den Angriffen Kaiser 
Wilhelms 1t. uns gegenüber bewabrt haben, alllnählich zum Gemeingut 
des deutschen Volkes und hoffentlich auch zuin Gemeingut ^des Aus 
landes gegenüber derartigen Aeußerungen machen werden. (Sehr gut! 
bei den Sozialdemokraten.) Ich meine jenes Mas; seelischen Gleichmuts, 
für das Fürst Bismarck einmal die durchaus zutreffende küchenlateinischs 
Formel geprägt hat: neseia, quid mild magis farcimentum esset! 
(Ich weiß nicht, was mir mehr Wurst wäre!) (Heiterkeit.) 
Das innere Jena. 
Meine Herren, wenn ich mich nun der heutigen Debatte zuwende, 
so muß ich allerdings gestehen: meine Voraussetzung, das; seitens der 
Vertreter der bürgerlichen Parteien hier nicht allzu scharf mit unseren 
Zuständen ins Gericht gegangen würde, ist leider noch unter troffen 
worden. (Heiterkeit.) Wenn man die vorsichtigen, ganz „staatsrecht 
lichen" Ausführungen der beiden Herren Vorredner auf ihren Kern 
untersucht, so verwahren sic sich beide gegen die Durchführung des kon 
sequenten demokratischen Parlamentarismus. (Sehr richtig I bei den 
Sozialdemokraten. — Sehr gut! auf der Rechten.) 
Sie sagen: sehr gutl Es tut mir leid, daß die Herren Spahn und 
Müller sich Ihr „Sehr gut!" zugezogen haben. (Heiterkeit.) 
Die beiden Reden zeigen, das; die Herren die Situation, die hier in 
Deutschland geschaffen worden ist, nicht in ihrer ganzen Größe ersaht 
haben. (Widerspruch rechts und links.) Um was es sich hier handelt, 
das ist ja nicht bloß die Zurückweisung einiger Ausschreitungen des so 
genannten persönlichen Regiments; denn was man das persönliche Regi 
ment nennt, daS ist doch weiter nichts als die notwendige, unvermeidliche 
Begleiterscheinung des gesamten schcinkonstitutioncllcn bureankratischcn 
Regieruttgospstems (sehr wahr! bei den Sozialdemokraten), unter dem 
heute noch das deutsche Volk leidet, dieses Volk, das sich das Volk der 
Dichter und Denker zu sein rühmt (sehr gut! bei den Sozialdemokraten), 
und das dennoch in dieser wichtigste Frage des politischen Lebens, der 
Frage der Mündigkeit, weit zurücksteht hinter anderen vorgeschrittenen 
Kulturvölkern unserer Zeit. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. 
Widerspruch rechts.) 
Daß diese Frage aber aufgerollt werden konnte und ausgerollt 
werden mußte und wenigstens in ihren Anfängen zur Lösung reif ist, 
das ist dem Umstande zu danken, daß das, was wir erlebt haben, der 
Zusammenbruch dieses ganzen bureankratischcn Regiernngsshstems ge 
wesen ist (Widerspruch rechts), der Zusammenbruch/ der in verschiedenen 
Etappen sich durchgesetzt hat, ein Zusammenbruch, den die besten deutschen 
Patrioten seit langer Zeit erwartet haben. (Lachen rechts.) — Ja, 
meine Herren, wenn ich von den besten deutschen Patrioten spreche, so 
meine ich Sie (nach rechts) doch nicht! (Schallende Heiterkeit.) 
Ich hatte dabei einen Mann im Auge, den Ihre geistigen Vorfahren 
seinerzeit genau so gehaßt haben, wie Sie beute die Sozialdemokraten 
hassen. Ich meine einen Mann, der der größte preußische Staatsmann 
auf dem Gebiete der inneren Politik geworden ist, den man neulich auch 
hier in offiziellen Reden gefeiert hat, den Freiherrn v. Stein. Der hat 
in der Zeit nach dem schmählichen Zusammenbruch des jnnkerlich-bureau» 
ikratisch-militciristischen Regimeirts bei Jena den Ausspruch getan, ey
	        
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