II
Folgendes lesen wir darüber in den „Thesen" des Zentralkomitees
der Kommunistischen Partei Rußlands vom Januar 1922 („Prawda"
17. Januar 1922): 1 )
„Die schnellste und nach Möglichkeit durchgehende Wiederaufrichtung der
Großindustrie ist die grundlegende Vorbedingung, ohne die die Befreiung vo>n
kapitalistischen Joch, der Sieg des Sozialismus, undenkbar ist. Diese Wieder
aufrichtung fordert aber unter den jetzigen russischen Verhältnissen eine unbe
dingte Konzentrierung der Macht in den Händen der
Fabriksleitungen. Diese Fabriksleitungen, die den allgemeinen Regeln
nach auf dem Prinzip der individuellen Verantwortung aufgebaut sind, müssen
selbständig das Ausmaß der Arbeitslöhne und die Ver
teilung der Geldwertzeichen, Rationen, Arbeitskleidung
und jeder anderen Art der Versorgung auf Grund und in den
Grenzen der mit den Gewerkschaften geschlossenen Kollektivverträge bestimmen
können. Dabei muß der Leitung die größtmöglich st e Bewegungs
freiheit gelassen werden und die tatsächlichen Erfolge in der Erhöhung der
Produktivität und in der defizitlosen und gewinnbringenden Arbeit genau nach
geprüft und die hervorragendsten und sachverständigsten Administratoren sorg
fältig ausgewählt werden. Alle unmittelbaren Einmischungen
der Gewerkschaften in die Führung der Unternehmungen
müssen unter diesen Umständen als unbedingt schädlich
und unzulässig betrachtet werden."
Dies also ist der Schlußstein jener Politik, die mit der „Arbeiterkontrolle"
eingeleitet wurde.
13. Die Gewerkschaften und die Leiter der Wirtschaftsorgane.
Nachdem die Roten Gewerkschaften auf ihrem ureigensten Gebiet den Boden
unter den Füßen verloren haben, geraten sie nicht selten in vollste Abhängigkeit
von den Leitern der Wirtschaftsorgane, und vertreten schon nicht mehr den Willen
des Staatsganzen, sondern den der einzelnen Trusts. Es geht so weit, daß die
offizielle Presse („Trud" vom 4. August 1922) solche Entartungserscheinungen
wie die „Bezahlung der Gewerkschaftsfunktionäre durch die
Wirtschaftsorgane" konstatiert und der Allrussische Zentralrat der
Gewerkschaften genötigt ist, Rundschreiben zu versenden, in denen zum Kampf
gegen diese Erscheinung aufgefordert wird. („Trud", 17. August 1922.) Das
Rundschreiben blieb aber auf dem Papier, während das Leben weiter seinen
Gang nahm. In derselben Nummer des „Trud", in der dieses Rundschreiben
veröffentlicht wurde, findet sich eine wahrhaft erschütternde Darstellung der Be
ziehungen, die sich zwischen den Gewerkschaften und „unsern Wirtschaftsleitern"
herausgebildet haben, die sich „mit erstaunlicher Schnelligkeit die S i t t e n und
Appetite der früheren kapital! st ischen Unternehmer an
geeignet habe n".
Der Verfasser dieser Darstellung, S. G i r i n s, schildert, wie die Gewerk
schaftsfunktionäre bei den Fabrikdirektoren um Holz, Schuhzeug, Manufaktur
waren usw. betteln. „Hat man sich aber damit dem Direktor gegenüber zu
Gegenleistungen verpflichtet, so ist es mit der Freiheit der gewerkschaftlichen
Manövrierungsfähigkeit zu Ende: „Weß' Brot ich esse, deß' Lied ich singe." . . .
In diesem psychologischen Milieu diktieren die wirtschaftlich mächtigen Wirt
schaftsleiter den von ihnen abhängigen Gewerkschaftsfunktionären ihren Willen.
„Die Wirtschaftsleiter" heben die Beschlüsse der örtlichen Gewerkschaften auf,
erteilen Befehle an den Betriebsausschuß, lösen den Betriebsausschuß auf usw."
i) Siehe die deutsche Uebersetzung in der Schrift von G. Ziperowitsch, „Die
neue Wirtschaftspolitik in Sowjetrußland".