Full text: Flucht in die Heimat

grundsätzlich nie tat. Zuweilen begleitete ihn 
Frau Ida zu den Vorträgen, die den neuen Din- 
gen wie ein Kind stumm mit großen erstaunten 
Augen entgegenstand, Die Vorträge fanden zu- 
meist in kleinem geschlossenem Kreise statt, und 
Herr Wilde zahlte jetzt Beiträge an alle Vereine, 
die solche Zirkel und Kurse unterhielten. Er las 
alte jüdische Schriften in deutscher Uebersetzung 
und erschrak, wie wenig er bisher selbst die Bi- 
bel kannte; er las auch interessiert die jüdischen 
Zeitschriften, die früher ungeöffnet in den Pa- 
pierkorb zu den wertlosen Drucksachen wan- 
derten, Er suchte Antwort, Aufklärung über den 
Sinn der Zeit. Die Zeitungen sprachen viel da- 
von, aber sagten ihm wenig. In den alten Schrif- 
ten stieß er aber hie und da auf ein Wort, einen 
Gedanken, die wie eine Fackel in die Dinge des 
Tages hineinleuchteten, Die Fackel erlosch, weil 
ihm das Oel des Wissens fehlte, sie zu erhalten. 
Die Abende der Wildes waren ja frei. Ins 
Theater gingen sie nicht, obwohl ihr Theater- 
abonnement noch nicht abgelaufen war. Früher, 
als die Jungen noch da waren, gab es kleine Ge- 
sellschafts- und: Musikabende im Hause. Eli, der 
Arzt, war ein vortrefflicher Violinspieler. Seit 
seinem Tode mochte Frau Ida keine Musik mehr 
hören, Der Klang der Instrumente wühlte ihr 
Inneres auf, weiche Geigentöne berührten sie, 
wie das Schluchzen eines Kindes: „Mutter, ich 
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